Gruppenfoto bei Finger-Haus: Vertreter von Arbeitsagentur, IHK, Kreishandwerkerschaft und Ausbildern stehen zusammen.

Hürden für Betriebe und Bewerber

Arbeitsmarkt: Berufsorientierung ist „Dschungel der Möglichkeiten“

 
© FOTO & TEXT: PHILIPP KNOCH
 
Waldeck-Frankenberg – Mehr Interesse bei jungen Menschen, aber immer weniger Ausbildungsstellen, abgeschlossene Verträge und generell Passungsprobleme bei Angebot der Arbeitgeber und Wünschen der künftigen Auszubildenden: Das ist die Bilanz von Arbeitsagentur, IHK und Kreishandwerkerschaft zum Ausbildungsjahr 2024/2025.
 
„Die konjunkturelle Lage merken wir in allen Branchen“, berichtet Ingo Wagner von der Agentur für Arbeit Korbach im Pressegespräch. Die Arbeitgeber seien in die Bredouille gekommen, über alle Branchen hinweg. „Bei hohen Preisen für Waren und Dienstleistungen und gestiegenen Zinsen haben viele Unternehmen Sorgen“, fasst Wagner zusammen.
 
Aktuell habe die Ausbildung von jungen Fachkräften nicht mehr überall Priorität. „Betriebe bilden aktuell nicht über Maß aus“, sagt Ingo Wagner. Für andere Berufe, Wagner nennt Pflegekräfte und das Hotel- und Gaststättengewerbe, gebe es zu wenig Bewerber. „In den Branchen wird eigentlich immer gesucht.“
 
Mobilität für Bewerber ein Problem
 
Den richtigen Bewerber zum richtigen Job zu bringen – aus Sicht von Otmar Hanickel eine Herausforderung im Landkreis. Bewerber kämen zum Beispiel nicht mit Unternehmen zusammen, wenn die Entfernung zwischen Wohnort und Betrieb zu groß sei.
 
Viele Jugendliche hätten entweder keinen Führerschein oder kein Auto, der öffentliche Nahverkehr sei vielerorts für den täglichen Weg zur Arbeit keine Option. „Je jünger der Auszubildende ist, desto größer ist das Hemmnis, umzuziehen“, ergänzt Hanickel.
 
Die Standorte der Berufsschulen seien ebenfalls ein großes Problem. „Wenn die in Gießen oder Marburg liegt, überlegen es sich die jungen Menschen zweimal, ob sie die Ausbildung wirklich starten möchten“, sagt Silke Nagel von der Kreishandwerkerschaft. Das gefährde den Fachkräftenachwuchs der Betriebe in Waldeck-Frankenberg. Denn das Handwerk sei zentraler Bestandteil von Klimaschutz und Energiewende, auch auf dem Land. Sie wünscht sich mehr Flexibilität beim Berufsschulort. „Bei allen Mühen der Betriebe ist das sehr hinderlich“, beschreibt Silke Nagel.
 
Über 90 Angebote zur Berufsorientierung
 
Wichtig für die Zukunftsfähigkeit von Waldeck-Frankenberg sei, dass die Unternehmen Auszubildende aus dem Landkreis in der Region halten könnten. Dafür müssten Betriebe und Interessenten zusammenkommen: Stichwort Berufsorientierung.
 
In Waldeck-Frankenberg gab es im vergangenen Jahr über 90 Veranstaltungen zur Berufsorientierung, von Schulen, Gewerbetreibenden, der Arbeitsagentur und den Kammern. „Es gibt so viel Orientierung wie noch nie“, erklärt Otmar Hanickel, Teamleiter der Berufsberatung für Jugendliche bei der Arbeitsagentur. Er spricht sich dafür aus, das Angebot zu reduzieren. „Es ist inzwischen ein Dschungel der Möglichkeiten, welche Karriere Jugendliche nach der Schule einschlagen.“
 
Immer mehr junge Erwachsene entscheiden sich nicht direkt nach der Schule, welchen Berufsweg sie einschlagen, heißt es weiter. Die kommende Wehrpflicht werde die Berufswahl weiter verschieben, prognostizieren die Vertreter der Arbeitsagentur. Vielleicht sollte die Berufsorientierung konzentrierter sein, überlegt Hanickel, „aber man kann auch keinem Veranstalter seine Aktion zur Berufsorientierung verbieten.“
 
Etwa 30 Auszubildende stelle das Unternehmen jährlich ein, berichten die Gastgeber des Pressegesprächs, Lysanne Willstumpf und Jannik Gasse, Ausbilder bei Finger-Haus. Auch ihr größtes Problem beim Finden neuer Auszubildender ist die Mobilität. „Den Jugendlichen geht es nicht nur darum: Was macht mir Spaß? Sondern auch: Wohin muss ich dann jeden Morgen, und komme ich da hin?“, sagt Jannik Gasse.
 
Akteure finden später zusammen
 
„Es gibt eine Sintflut von Informationen für Schulabgänger“, ergänzt Lysanne Willstumpf. Die Eltern seien nach wie vor wichtig und „Wegweiser für die Berufswahl“, so die Ausbilderin. Mitmachaktionen und das Einbinden der aktuellen Auszubildenden hätten sich bezahlt gemacht. Die Bewerbungen für Ausbildungsstellen kämen immer später, hat Jannik Gasse beobachtet. „Früher ging es mit dem Start der Sommerferien im Jahr vor Ausbildungsstart los mit den Bewerbungen“, sagt er. Das habe sich geändert.
 
Viele Unternehmer seien genauso verunsichert wie die Bewerber, gibt Ingo Werner zu Bedenken. „Viele wissen noch nicht, wie es im Betrieb im nächsten Jahr aussieht“, sagt er. Der Trend gehe dahin, dass die Arbeitgeber die Stellen später ausschreiben.
 
Mehr Interesse an Ausbildung
 
Aber weniger Ausbildungsstellen im Kreis Waldeck-Frankenberg
 
Waldeck-Frankenberg – Die konjunkturellen Schwierigkeiten in der Wirtschaft sind auch auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu spüren. Laut der Ausbildungsbilanz von Agentur für Arbeit, Industrie- und Handelskammer (IHK) und Kreishandwerkerschaft stehen in Waldeck-Frankenberg weniger Stellen mehr Bewerbern gegenüber. Trotzdem stieg die Zahl der Unternehmen, die nicht genug Nachwuchskräfte gefunden haben.
 
„Wir merken, was passiert, wenn die Konjunktur schwächelt“, bilanziert Volker Breustedt, Leiter der Korbacher Agentur für Arbeit, im Pressegespräch. So sanken im Ausbildungsjahr 2024/2025 die gemeldeten Stellen für Auszubildende um 3,3 Prozent auf 1120, heißt es in der Mitteilung. „Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine kleine Delle, gegenüber 2023 eine deutliche Delle“, sagt er.
 
„Wer heute nicht anfange, auszubilden, bekomme in den nächsten Jahren Probleme, die Stellen zu besetzen“, ergänzt der Arbeitsagenturleiter mit Blick auf den Abgang der geburtenstarken Jahrgänge in die Rente und den befürchteten Fachkräftemangel.
 
935 Bewerber meldeten sich im Kreis Waldeck-Frankenberg, ein moderates Plus im Vergleich zum vergangenen Jahr von 1,6 Prozent. Das ist auch der Trend im gesamten Agenturbezirk, der auch den Schwalm-Eder-Kreis beinhaltet.
 
Die gestiegene Zahl der Bewerber freut den Agenturleiter. „Uns ist es gelungen, in die Schulen zu kommen; für eine Ausbildung zu werben“, sagt Volker Breustedt. Seit einem coronabedingten Einbruch der Bewerberzahlen sei das der vierte Anstieg in Folge. Die Zahl der Ausbildungsplätze und der Interessenten habe sich in den vergangenen Jahren immer weiter angenähert.
 
„Der Berufswunsch und das Ausbildungsangebot passen nicht immer zusammen“, erläutert der Korbacher Agenturleiter. 154 offene Stellen stehen im Herbst 2025 noch 107 unversorgten Bewerbern gegenüber. Damit steigt die Zahl sowohl der noch offenen Ausbildungsplätze als auch der Bewerber im Vergleich zum Vorjahr. „Das kann uns nicht zufriedenstellen“, sagt Volker Breustedt. Die Agentur für Arbeitet beobachte zunehmende Passungsprobleme von potenziellen Auszubildenden und Betrieben.
 
IHK und Kreishandwerkerschaft verzeichneten im Ausbildungsjahr weniger eingetragene Verträge. 630 gemeldete Auszubildende bei der IHK bedeuten einen Rückgang von 6 Prozent, die Kreishandwerkerschaft führt 340 neue Ausbildungsverträge, ein Minus von 4,8 Prozent. Aber es gebe auch positive Entwicklungen. „In der Baubranche, bei den Maurern, Straßenbauern und Zimmerern wurden 75 Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen“, sagt Silke Nagel, Teamleiterin der Kreishandwerkerschaft in Waldeck-Frankenberg.
 
Top 5 der Berufe und Ausbildungsstellen
 
Die beliebtesten Berufe der Bewerberinnen und Bewerbern in Waldeck-Frankenberg sind in diesem Jahr Kfz-Mechatroniker Pkw-Technik, Kaufmann/-frau Büromanagement, Verkäufer/in, Tischler/in und Elektroniker/in Energie-/Gebäudetechnik. Bei den gemeldeten Ausbildungsstellen bildeten die Spitzengruppe: Verkäufer/in, Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Industriekaufmann/-frau, Industriemechaniker/in und Elektroniker/in für Betriebstechnik.
 
Probierwerkstätten für mehr Auszubildende
 
Waldeck-Frankenberg – Die Kreishandwerkerschaft meldet 340 neue Ausbildungsverträge und ein Minus von 4,8 Prozent. Im Vergleich mit dem gesamten Kammerbezirk steht der Kreis deutlich schlechter da, im Bezirk Kassel stieg die Zahl der Ausbildungsverträge leicht.
 
„Viele Betriebe suchen händeringend nach Nachwuchs, finden aber keinen, weil das Profil der Bewerber nicht passt“, berichtet Silke Nagel, Teamleiterin der Kreishandwerkerschaft in Waldeck Frankenberg. „Die Unternehmen müssen die Jugendliche auf Augenhöhe abholen“, fordert sie. Ein Hochglanzprospekt alleine reiche nicht mehr, um Auszubildende zu gewinnen. Auch auf Social Media müssten Betriebe für ihr Ausbildungsangebot werben.
 
Silke Nagel fordert, dass die jungen Erwachsenen einen praktischen Einstieg in den Job bekommen, sich in Probierwerkstätten ausprobieren können. So könnten Jugendliche sich für eine Ausbildung begeistern und die künftigen Auszubildenden eine gute Berufswahl treffen.
 

Foto: Das Gespräch zur Ausbildungsbilanz 2024/2025 fand bei Finger-Haus in Frankenberg statt: (von links) Klaus Cronau (Geschäftsführer Finger-Haus), Volker Breustedt (Leiter Arbeitsagentur Korbach), Ingo Wagner (Arbeitgeberservice, Arbeitsagentur), Jarne Krause (Auszubildender Finger-Haus), Enrico Gaede (IHK-Bildungsberater), Otmar Hanickel (Berufsberatung für Jugendliche, Arbeitsagentur), Lysanne Willstumpf (Ausbilderin Finger-Haus), Jannik Gasse (Ausbilder Finger-Haus), Silke Nagel (Teamleiterin Kreishandwerkerschaft).

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