Corona-Rückforderungen bringen Friseurbetriebe unter Druck
Frankenberg, 19. August 2026 – Die Friseur-Innung Waldeck-Frankenberg hat sich kürzlich mit der Landtagsabgeordneten Dr. Daniela Sommer sowie weiteren Vertretern der SPD aus Frankenberg getroffen, um eindringlich auf die aus Sicht der Innung unfaire und existenzgefährdende Situation vieler Friseurbetriebe durch die Rückforderungen der Corona-Soforthilfen hinzuweisen.
Die Friseurbetriebe gehörten zu denjenigen Branchen, denen während der Corona-Pandemie durch die angeordneten Schließungen faktisch ein Berufsverbot auferlegt wurde. Von einem Tag auf den anderen durften die Betriebe nicht mehr öffnen und hatten keinerlei Einnahmen. Gleichzeitig liefen die betrieblichen Kosten weiter.
Besonders problematisch ist aus Sicht der Innung, dass Kosten, die während dieser Zeit tatsächlich entstanden sind und von den Unternehmerinnen und Unternehmern getragen wurden, bei der heutigen Berechnung der Rückforderung teilweise nicht berücksichtigt werden können.
Ausbildungsbetriebe wurden während des Lockdowns allein gelassen
Ein besonders gravierendes Beispiel sind die Ausbildungsvergütungen. Viele Friseurbetriebe hatten mehrere Auszubildende beschäftigt und mussten deren Ausbildungsvergütungen auch während der Schließung vollständig weiterzahlen. Für die Auszubildenden wurde kein Kurzarbeitergeld gezahlt. Gleichzeitig blieb ihr Urlaubsanspruch bestehen.
Dennis Lessing, Friseurunternehmer und Mitglied der Friseur-Innung Waldeck-Frankenberg, schildert seine Situation:
„Ich habe während der Corona-Schließung fünf Auszubildende auf eigene Kosten weiterbeschäftigt. Die jungen Menschen haben ihr Gehalt weiter erhalten, obwohl unser Betrieb keinerlei Einnahmen hatte. Für diese fünf Auszubildenden konnten wir kein Kurzarbeitergeld erhalten. Trotzdem dürfen uns diese tatsächlich angefallenen Personalkosten heute bei der Berechnung der Rückzahlung nicht entsprechend angerechnet werden. Das empfinde ich als ausgesprochen unfair.“
Auch die Situation der Unternehmer selbst müsse berücksichtigt werden. Die Betriebsinhaber erhielten weder Kurzarbeitergeld noch entsprechende Zahlungen aus dem Gesundheits- bzw. Seuchenschutz und waren bei der Sicherung ihres persönlichen Lebensunterhalts weitgehend auf sich selbst gestellt.
Um Familien und Betriebe durch diese Zeit zu bringen, mussten Unternehmer teilweise Kredite aufnehmen – unter anderem mit Unterstützung der Handwerkskammer und der WIBank. Diese Kredite waren keine Zuschüsse, sondern mussten verzinst aufgenommen werden und werden teilweise bis heute zurückgezahlt, so die Obermeisterin Maria Krasnikov. Gleichzeitig wird uns heute bei der Rückforderung vermittelt, dass diese Belastungen für die Berechnung der tatsächlichen wirtschaftlichen Notlage keine ausreichende Rolle spielen.
Sechs Jahre später droht erneut genau das, was die Soforthilfe verhindern sollte
Die Innung sieht es als besonders problematisch an, dass die Rückforderungen nun sechs Jahre nach Beginn der Pandemie viele Unternehmen erneut in eine existenzbedrohende Situation bringen.
Die Corona-Soforthilfen wurden als schnelle Hilfe konzipiert, um Unternehmen in der akuten Krise zu unterstützen und Insolvenzen zu verhindern. In der frühen öffentlichen Kommunikation wurde zudem vermittelt, dass es sich um nicht rückzahlbare Hilfen handeln sollte. Spätere Regelungen und die entsprechenden FAQ führten jedoch zu einer veränderten Bewertung und damit zu den heutigen Rückforderungen.
Für die Friseur-Innung stellt sich deshalb die grundsätzliche Frage, ob der ursprüngliche Zweck der Hilfen heute noch ausreichend berücksichtigt wird.
„Die Soforthilfe sollte verhindern, dass Unternehmen wegen Corona Insolvenz anmelden müssen. Jetzt sind wir sechs Jahre weiter – und durch die Rückforderungen droht für manche Betriebe genau diese Situation erneut. Nur diesmal nicht unmittelbar durch den Lockdown, sondern durch die nachträgliche Rückzahlung einer Hilfe, die damals genau diese Insolvenzen verhindern sollte. Das kann doch nicht das Ziel gewesen sein“, so Kai Bremmer, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg.
Die Betriebe hätten nach der Wiedereröffnung vielfach alles darangesetzt, die während der Schließung entstandenen Verluste wieder aufzuholen. Die daraus resultierenden Einnahmen würden bei der Rückforderung teilweise negativ bewertet, obwohl sie gerade Ausdruck des unternehmerischen Versuchs gewesen seien, den Betrieb zu retten und die entstandenen Schäden auszugleichen.
Ausbildung und Fachkräftesicherung stehen auf dem Spiel
Ausbildung und Fachkräftesicherung stehen auf dem Spiel
Für die Innung ist besonders wichtig, dass die Friseurbetriebe eine zentrale Rolle bei der Ausbildung des Nachwuchses spielen. Eine Insolvenz dieser Betriebe hätte deshalb Folgen, die weit über den einzelnen Unternehmer hinausgehen.
Wenn diese Betriebe jetzt aufgrund der Rückforderungen in die Insolvenz getrieben werden, dann werden auch keine jungen Menschen mehr ausgebildet. Damit wird genau das Fundament beschädigt, das Politik und Handwerk dringend brauchen: gut ausgebildete Fachkräfte.
Unterstützung aus der Politik für eine Neubewertung
Auch die drei Vertreter der SPD-Fraktion, die am vergangenen Montag an dem Gespräch in der Kreishandwerkerschaft Frankenberg teilnahmen, zeigten sich nach Darstellung der Innung über die geschilderte Situation verwundert und teilten die Auffassung, dass die derzeitige Regelung zumindest kritisch hinterfragt werden müsse.
Dr. Daniela Sommer sagte zu, diese Herausforderungen nochmals mit dem Hessischen Wirtschaftsminister zu besprechen und die Argumente der betroffenen Betriebe entsprechend vorzutragen.
Auch die Obermeisterin der Friseur-Innung Waldeck-Frankenberg, Maria Krasnikov aus Bad Arolsen, sowie Frau Antje Hardes aus Waldeck-Netze, die an dem Gespräch teilnahmen, unterstützten die vorgetragenen Argumente ausdrücklich und machten deutlich, dass die Rückforderungen für viele Betriebe eine erhebliche zusätzliche Belastung darstellen.
Die Friseur-Innung Waldeck-Frankenberg fordert deshalb eine faire und realitätsnahe Neubewertung der Rückforderungen. Dabei müssen insbesondere tatsächlich entstandene Personalkosten für Auszubildende, der fehlende Unternehmerlohn sowie die besondere Situation der Betriebe während des angeordneten Berufsverbots angemessen berücksichtigt werden. Ebenso müssen Härtefälle und die tatsächliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Unternehmen stärker in die Bewertung einfließen.
Dennis Lessing: „Wir reden hier nicht nur über einzelne Friseure, die ihre Rückzahlung nicht leisten können. Wir reden über Ausbildungsbetriebe, Arbeitsplätze und die Versorgung mit Fachkräften. Wenn ein Betrieb nach sechs Jahren durch die Rückforderung in die Insolvenz gerät, verlieren wir nicht nur ein Unternehmen. Wir verlieren Ausbildungsplätze, Arbeitsplätze und einen weiteren Teil unserer handwerklichen Infrastruktur. Genau das sollte die Corona-Hilfe ursprünglich verhindern.“
Die Friseur-Innung Waldeck-Frankenberg dankt Dr. Daniela Sommer, Hendrik Klinge und Ruth Piro-Klein ausdrücklich für ihre Zeit, das offene Gespräch und die Bereitschaft, die Anliegen der betroffenen Betriebe weiterzutragen.
Die Innung hofft nun darauf, dass die Landespolitik die Situation erneut bewertet und gemeinsam mit den zuständigen Stellen eine faire, praktikable und wirtschaftlich tragfähige Lösung findet.
Es muss verhindert werden, dass Betriebe, die während der Pandemie um ihre Existenz gekämpft, ihre Beschäftigten weiterbezahlt, ausgebildet und Kredite aufgenommen haben, nun Jahre später durch Rückforderungen genau in die Insolvenz geraten, die die ursprünglichen Hilfen verhindern sollten.
Für Fragen steht die Friseur-Innung Waldeck-Frankenberg gerne zur Verfügung, Telefon: 05631 9535 100, E-Mail: info@khkb.de.
Foto: Austausch zu den Rückforderungen der Corona-Soforthilfen (von links): Kai Bremmer, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg, Friseurunternehmer Dennis Lessing, Obermeisterin Maria Krasnikov, Vorstandsmitglied Antje Hardes, Kreishandwerksmeister Ulrich Mütze, SPD-Stadtverordnete Ruth Piro-Klein, Landtagsabgeordnete Dr. Daniela Sommer und SPD-Fraktionsvorsitzender Hendrik Klinge.